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Die Merkel’sche Demo-Kratie

Die BK Mer­kel hat die Demo­kra­tie neu defi­niert. In die­ser Defi­ni­ti­on ging es ihr nie um mehr­heit­li­che Beschlüs­se, das Grund­we­sen ech­ter Demo­kra­tie, son­dern um das Mach­ba­re. Dies ist kei­ne Ent­wick­lung, wel­che sich in ihr all­mäh­lich voll­zo­gen hät­te, es ist ihre Grund­ein­stel­lung, ihr Prag­ma­tis­mus zum Regie­ren. Eine ‑Kra­tie bezeich­net eine Herr­schafts­form, aller­dings ist die Demo­kra­tie kei­ne Herr­schafts­form im eigent­li­chen Sinn, son­dern ein mehr­heit­li­ches Regie­ren von Unten nach Oben, vom Volk zur Regie­rung. Denn die Regie­rung hat das zu tun und zu las­sen, was das Volk, der Sou­ve­rän, die abso­lu­te Mehr­heit, der Regie­rung beauf­tragt. Um das Volk vor auto­ri­tä­ren Über­grif­fen zu schüt­zen, wur­den ganz bestimm­te Geset­zes-Arti­kel in das Grund­ge­setz geschrie­ben. Die Frei­heit ist näm­lich nicht etwas, was dem Volk gnä­di­ger­wei­se zuge­stan­den wer­den kann, son­dern sie gehört dem Volk, und grund­le­gen­de Frei­hei­ten wur­den des­halb aus guten Grün­den im Grund­ge­setz definiert.

Aus der Arti­kel­über­schrift könn­te man ablei­ten, die Demo­kra­tie wäre nur ein Demo, der Ver­such einer Volks-bestimm­ten [1]) Kra­tie. Der Ver­such scheint spä­tes­tens seit BK Mer­kel geschei­tert zu sein. In der Sen­dung “Zur Per­son” vom 28. Okto­ber 1991 ⇗ wur­de sie von Gün­ter Gaus inter­viewt. Damals, mit 37 Jah­ren, gab Mer­kel als Bun­des­mi­nis­te­rin für Frau­en und Jugend in der CDU fol­gen­des zum Bes­ten bezüg­lich ihrer Vor­stel­lun­gen von Demokratie:

Ich bin spät zum demo­kra­ti­schen Auf­bruch gekom­men, weil ich lan­ge gesucht habe, wo ich mich enga­gie­ren soll, und irgend­wo ein tie­fes Miss­trau­en zu basis­de­mo­kra­ti­schen Grup­pie­run­gen habe, und mich dort nicht wohl­ge­fühlt habe. Weil ich glau­be, dass man in der poli­ti­schen Arbeit auch zu Mach­ba­rem kom­men muss und nicht so lan­ge sich im eige­nen Dis­ku­tie­ren ver­lie­ben soll­te. Viel­leicht habe ich da ein auto­ri­tä­res Ver­hal­ten in mir.

Die­ses Zitat (ab 26:28) spricht Bän­de, und es zeig­te sich fort­an, was Mer­kel unter “mach­bar” ver­stand. Febr. 2020 wur­de der neue Minis­ter­prä­si­dent von Thü­rin­gen, Tho­mas Kem­me­rich, gewählt. Die AfD agier­te dabei tak­tisch klug — zu klug für Mer­kel, die anschlie­ßend um jeden Preis eine Koali­ti­on mit der AfD ver­hin­dern woll­te. Und so ließ sie verlautbaren:

“Die Wahl die­ses Minis­ter­prä­si­den­ten war ein ein­zig­ar­ti­ger Vor­gang, der mit einer Grund­über­zeu­gung gebro­chen hat für die CDU und auch für mich, näm­lich dass kei­ne Mehr­hei­ten mit­hil­fe der AfD gewon­nen wer­den sol­len”, sag­te sie im süd­afri­ka­ni­schen Pre­to­ria. “Da dies abseh­bar war in der Kon­stel­la­ti­on, wie im drit­ten Wahl­gang gewählt wur­de, muss man sagen, dass die­ser Vor­gang unver­zeih­lich ist und des­halb auch das Ergeb­nis wie­der rück­gän­gig gemacht wer­den muss.”

Und wei­ter sag­te Mer­kel: “Zumin­dest gilt für die CDU, dass die CDU sich nicht an einer Regie­rung unter dem gewähl­ten Minis­ter­prä­si­den­ten betei­li­gen darf. Es war ein schlech­ter Tag für die Demo­kra­tie. Es war ein Tag, der mit den Wer­ten und Über­zeu­gun­gen der CDU gebro­chen hat, und es muss jetzt alles getan wer­den, damit deut­lich wird, dass das in kei­ner Wei­se mit dem, was die CDU denkt und tut, in Über­ein­stim­mung gebracht wer­den kann. Dar­an wird in den nächs­ten Tagen zu arbei­ten sein.”

(Quel­le: https://www.tagesspiegel.de/politik/merkel-zur-thueringen-wahl-das-ergebnis-muss-rueckgaengig-gemacht-werden/25518242.html)

Die Wahl sel­ber war kein “schlech­ter Tag für die Demo­kra­tie”, weil die Wahl demo­kra­tisch statt­fand, son­dern die Ankün­di­gung und Durch­füh­rung des Merkel’schen Umstur­zes. Das bei­na­he putsch­mä­ßi­ge Besei­ti­gen des uner­wünsch­ten und doch demo­kra­ti­schen Ergeb­nis­ses war ein sehr schlech­ter Tag für die Demo­kra­tie. Was ist das für eine Demo­kra­tie, in der kei­ne Oppo­si­ti­on mehr zuge­las­sen wird? Vie­le fan­den das völ­lig in Ord­nung, weil es “nur” oder aus­ge­rech­net die AfD betraf. Dass das glei­che Vor­ge­hen jedoch auch ein­mal die gesam­te Bevöl­ke­rung tref­fen könn­te, das zogen die aller­meis­ten nicht ein­mal in Erwä­gung, obwohl bis hier­hin bereits die Flücht­lings­kri­se ab 2015 deut­li­che Alarm­zei­chen gesetzt hat­te, weil Mer­kel bekann­ter­ma­ßen gegen alle bestehen­den Geset­ze im unver­ant­wort­li­chen und eigent­lich kri­mi­nel­len Allein­gang die Gren­zen öff­ne­te. Dabei spielt es erst ein­mal kei­ne Rol­le, wie man zu den Flücht­lin­gen steht und wie man sie bezeich­nen will (Kriegs- oder Wirt­schafts­flücht­lin­ge z.B.).

Ab 2020 mit Beginn der “Pan­de­mie” wur­de zuse­hends deut­li­cher, wer im Staat das Sagen hat. — Nicht das Volk, nicht die Abge­ord­ne­ten des (gesetz­ge­ben­den!) Par­la­ments, nicht die Minis­ter­prä­si­den­ten, son­dern ganz allein die Abso­lu­tis­tin Mer­kel. Die Merkel’sche Demon­tie­rung der Demo­kra­tie und ihrer frei­heit­li­chen Grund­rech­te wur­den gemein­sam mit der Staats­pres­se, dem Staats­funk (bezeich­net auch als die “Öffent­lich-recht­li­chen”) und gewalt­be­rei­ter Poli­zei Stück für Stück vor­an­ge­trie­ben. Das auch dies als Allein­gang bezeich­net wer­den kann, zeigt fol­gen­der Aus­schnitt aus ihrer Rede vor dem World Eco­no­mic Forum ⇗ in Davos im Kan­ton Grau­bün­den am 26. Jan. 2021:

Sie haben das Mot­to „The Gre­at Reset“ gewählt; das ist das dies­jäh­ri­ge The­ma. Ich fra­ge ein­mal: Brau­chen wir wirk­lich einen „Gre­at Reset“ oder ist es nicht eher so, dass wir einen Neu­an­fang weni­ger hin­sicht­lich der Ziel­set­zun­gen und mehr hin­sicht­lich der Ent­schlos­sen­heit unse­res Han­delns brauchen?

Wel­che Din­ge haben wir in Deutsch­land gese­hen? Die Schnel­lig­keit unse­res Han­delns lässt sehr zu wün­schen übrig. Pro­zes­se sind oft sehr büro­kra­tisch und dau­ern zu lan­ge. Dar­an haben wir also noch zu arbeiten.

Die Pan­de­mie hat uns vor Augen geführt, dass das Reden, das Dis­ku­tie­ren und das gedank­li­che Klar­ma­chen wich­tig sind. Ich glau­be aber, die Pan­de­mie hat uns auch vor Augen geführt, dass jetzt eine Zeit des Han­delns kommt, in der mög­lichst kon­zer­tiert, mög­lichst gemein­sam und mög­lichst nach glei­chen und gemein­sam dis­ku­tier­ten Prin­zi­pi­en agiert wird, in der eben etwas getan wird, um die Schwach­stel­len, die wir alle erlebt haben, mög­lichst zu überwinden.

Von wel­chen “Schwach­stel­len” ist hier die Rede? Es geht immer wie­der um schnel­les, ent­schlos­se­nes, kon­zer­tier­tes Han­deln. Ist das der Wunsch nach mög­lichst unkon­trol­lier­tem und unde­mo­kra­ti­schem, also unge­stör­tem, Han­deln? Gera­de in letz­ter Zeit, sie­he zum Bei­spiel das Ende 2020 teil­wei­se gekipp­te Beher­ber­gungs­ver­bot, sicker­te immer wie­der durch, welch har­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen geführt wur­den, die bei­na­he aus­nahms­los um die kom­pro­miss­lo­se, ver­hee­ren­de Ent­schei­dungs­ge­walt, oder bes­ser Fest­le­gungs­ge­walt, der Kanz­le­rin geführt wurden.

Dabei gilt natür­lich: alles, was die Pan­de­mie ein­dämmt, ist gut; das ist nicht nur gut für die Gesund­heit der Men­schen, son­dern auch gut für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, für die gesell­schaft­li­chen und die kul­tu­rel­len Möglichkeiten.

Die gro­ße Gefahr nach der Pan­de­mie besteht darin… […]

Wir sehen das als Ers­tes beim gro­ßen The­ma Imp­fen, denn das Imp­fen ist natür­lich ein Weg aus der Pan­de­mie her­aus. Hier beweist sich dann auch, wie das Ver­hält­nis von Wor­ten und Taten ist.

Die­se letz­ten bei­den Sät­ze fin­de ich bemer­kens­wert. Zum einen stel­len sie das erfreu­li­che Ende der “Pan­de­mie” in Aus­sicht, zum ande­ren jedoch “natür­lich” durch das Imp­fen. Wel­che “Taten” hier auf wel­che Wor­te fol­gen wer­den, wer­den wir dem­nächst sehen. Über den ers­ten Satz mag sich jeder, auch anhand der aktu­el­len Situa­ti­on, sei­ne eige­ne Mei­nung bilden.

Auf der “Pres­se­kon­fe­renz vom 21.01.2021” ⇗ sag­te Mer­kel mehr­fach aus­drück­lich, dass sie Ent­schei­dun­gen trifft, nicht “wir”, d.h. der Deut­sche Bun­des­tag. Schau­en wir, wohin die Rei­se geht, am Ende wer­den wir wis­sen, wie gut Mer­kel es mit ihrem Volk gemeint hat.

Zu guter Letzt die abschlie­ßen­den Fra­gen des Herrn Gün­ter Gaus an Frau Mer­kel aus dem oben erwähn­ten Inter­view “Zur Person”:

Gaus:
Wobei die größ­te Ver­su­chung dar­in besteht, denk ich mir, auch bei SED-Genos­sen bestand sie dar­in, dass man ja für das jeweils Gute, was man sah, mein­te, dass man doch noch einen klei­nen Schritt wei­ter gehen könn­te. Haben Sie für sich sel­ber ein siche­res Gefühl, dass sie die Gren­ze nicht über­schrei­ten wer­den, hin­ter der man sich dann spä­ter genie­ren muss?

Mer­kel:
Ich kann das ver­ste­hen, ich hof­fe auf auf der ande­ren Sei­te, dass es mir als Poli­ti­ke­rin gelingt, die­se Gren­ze nicht all­zu oft über­schrei­ten zu müssen.

 


Anmer­kun­gen / Verweise

[1] Selbst die­ser Begriff “Volk” ist für man­che Deutsch-Para­noi­ker “kein unschul­di­ges Wort”,  und sie begrün­den dass aus der alten ger­ma­ni­schen Geschich­te her, als auch aus der Ety­mo­lo­gie. Aller­dings ist die­ser Begriff als Stan­dard zu sehen für die Bezeich­nung der Bevöl­ke­rung eines Staa­tes und nicht  im Sin­ne “völ­ki­scher”  Fan­ta­sien. Der Begriff Bevölkerung wäre ja ansons­ten eben­falls zu ver­wer­fen, zeigt jedoch eben­falls den übli­chen Sprach­ge­brauch. Wir reden ja auch von ande­ren “Völ­kern” und bezeich­nen die­se nicht als “völ­kisch”. Es gibt außer­dem den Begriff “Völ­ker­recht”, aber “Volk” ist dann zu deutsch? Wie bezeich­nen ande­re Staa­ten ihr Volk? In der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und im Alten Rom war der Begriff Volk ein sehr wich­ti­ger Begriff.
Jede Nati­on hat selbst­ver­ständ­lich auch ihren Natio­nal­stolz, wenn aber der Deut­sche Bür­ger Begrif­fe benutzt, die auf das Deut­sche hin­wei­sen, auf das Natio­na­le, auf die deut­sche Kul­tur, wird dies lei­der sofort in die brau­ne Ecke gestellt. Manch­mal fragt man sich, war­um der Begriff “braun” und war­um auch nicht gleich die Far­be sel­ber ver­bo­ten wurden.